«Ghost in the machine»: Kirche und KI zwischen Gespenstern und Gangstern

Jeudi 22 Octobre 2026

Am 20. Oktober 2026 luden die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz und die Paulus Akademie nach Zürich zur Fachtagung «Ghost in the machine». Ich bin aus Freiburg angereist, mit einer Frage im Gepäck: Was können wir Romands von dieser Tagung mitnehmen? Meine Antwort: weniger über Gespenster reden, mehr über Gangster.


Der Zeitpunkt war gut gewählt. Acht Tage zuvor hatten EKS, Schweizer Bischofskonferenz, Christkatholische Kirche, Freikirchen.ch und Evangelische Allianz gemeinsame Leitlinien veröffentlicht: «Menschlichkeit im digitalen Zeitalter». Zehn Grundsätze für Institutionen und Kirchgemeinden, von der Würde bis zur Gemeinschaft. Die Tagung sollte sie an der Praxis messen. Nüchternheit statt Angstmarketing Thilo Stadelmann vom Centre for Artificial Intelligence der ZHAW eröffnete mit einer Dosis Nüchternheit. KI-Agenten brechen nicht aus und begehen keine Straftaten; wo eine Maschine eine Grenze überschreitet, hat man ihr die Tür geöffnet und den Befehl gegeben. Apokalyptische Szenarien seien oft Marketing, nicht Produktaufklärung.

Andreas Loos brachte es im abschliessenden Podcast auf den Punkt: «Meine Angst kriegt ihr nicht.» Weder die Angst, abgehängt zu werden, noch jene vor dem Weltuntergang – beide werden von denselben Akteuren geschürt.

Alexandra Kaiser-Duliba vom Institut für Sozialethik der Universität Luzern ergänzte: KI bringt kaum völlig neue ethische Probleme, sondern alte in neuem Gewand – Ungleichheit, Umweltschäden, Manipulation, Fake News. Und dafür gibt es bewährte Antworten: Partizipation, Transparenz, Demokratisierung. Zwei Workshops, zwei Welten Bei Simeon Stiefel (ReformWerk) baute jede und jeder einen ersten Kirchgemeinde-Assistenten. Sein Ampelsystem ist von bestechender Einfachheit: Rot ist, was auch mit guter Absicht nicht geht – Predigten und Gebete von der Maschine schreiben lassen, Personendaten eingeben, ungeprüft veröffentlichen. Gelb braucht Rücksprache, Grün entlastet den Alltag. Ein solches Raster liesse sich auch in unseren Kirchgemeinden der Romandie sofort anwenden.

Der Workshop von Manuel Schmid und Oliver Dürr zur Gottebenbildlichkeit im Maschinenzeitalter war theologisch anspruchsvoll, für mich als Kommunikationsfachmann zuweilen zu anspruchsvoll. Mitgenommen habe ich den Kern, mit dem auch die Leitlinien beginnen: Der Mensch ist nicht Gott, und die Maschine ist nicht Mensch. Und erfreulich: Mit Oliver Dürr wirkt einer der Mitautoren der Leitlinien an der Universität Freiburg, also gleich bei uns. Ein Jesus-Bot und die Gangster Im Live-Podcast Geist.Zeit stellte Spiro Mavrias, Leiter der Projektstelle KI der Reformierten Kirche Kanton Zürich, den Chatbot «Sharing Jesus» vor: nach seinen Angaben knapp 10 000 Nachrichten von über 700 Nutzenden seit Pfingsten, häufigstes Thema Tod und Trauer. Der Bot verweist früh auf professionelle Hilfe – eine Leitplanke, die zeigt, wie viel Verantwortung eine Kirche übernimmt, wenn sie per Maschine zuhört.

Der Titel der Folge fasste die Tagung zusammen: Wir reden zu viel über Gespenster – die allmächtige oder verdummende KI – und zu wenig über Gangster, also die realen Interessen hinter der Technologie. Keine KI ist neutral, auch nicht das Schweizer Modell Apertus. Thorsten Dietz nannte Papst Leo XIV. mit seiner Enzyklika Magnifica humanitas die hörbarste christliche Stimme in dieser Debatte – bemerkenswert aus protestantischem Mund. Der Blick aus der Romandie Und bei uns? In der Deutschschweiz gibt es mit Zürich bereits eine Kantonalkirche mit eigener KI-Projektstelle. In der Romandie hat meines Wissens noch keine reformierte Kantonalkirche eigene KI-Leitlinien oder eine zuständige Stelle. Initiativen gibt es, aber sie bleiben individuell: ein reformierter Chatbot in Genf, journalistische Experimente bei Réformés, einzelne Vorträge.

Der Bedarf ist belegt: In einer Umfrage von Protestinfo unter 124 Pfarrpersonen und Diakoninnen der Romandie nutzt mehr als die Hälfte KI regelmässig für die Bibelarbeit, und viele wünschen sich Weiterbildung (Réformés, 29.09.2026). Die Nutzung ist da; es fehlt der Rahmen.

Diesen Rahmen bieten die Leitlinien nun – auch auf Französisch. Gerade zweisprachige Kirchen wie die unsere im Kanton Freiburg könnten hier eine Brücke über den Röstigraben schlagen. Die Zürcher Tagung hat gezeigt, wie das geht: ohne Naivität und ohne Panik, mit kühlem Kopf und der Hand am letzten Wort.

Die Dokumentation der Tagung mit den gefilmten Referaten und dem Podcast erscheint auf der Website der Paulus Akademie. Diesen Beitrag gibt es auch auf Französisch.
Mathieu Janin
Mathieu Janin